Vom Suchen und Finden

Dargah Suhrawardi Maqtul

Da ich bei meinen Reisen in entsprechenden Ländern den Brauch des „Besuches der Gräber“ (ziyarat al-qubur) praktiziere, habe ich dies auch bei meinen vielen Aufenthalten in Syrien so gehalten. Nach der Beschäftigung mit dem Werk „Die Weisheit (Philosophie) der Erleuchtung (Ḥikmat al-išrāq)“ von Schihab ad-Din Yahya Suhrawardi, versuchte ich in Aleppo / Halab sein Grab zu finden, das sich dort befindet.

Dabei traten in all den Jahren des Suchens nur Fehlschläge auf. Niemand schien zu wissen, wo sich das Grab befindet. Bei einem Aufenthalt im Jahr 2005 schien sich ein Durchbruch anzudeuten. Es gab einen relativ konkreten Hinweis, wo ich mich melden könne, um den Schlüssel zu dem Mausoleum und Zutritt zu erhalten. In der Nähe der Zitadelle, in einer Parallelgasse zur Hawl al Qalaa Straße, befände sich ein Reisebüro, dort solle ich nachfragen. Von meinem üblichen Hotel im Basar in der Nähe des Bab Antakiya aus keine weite Strecke.

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Die Katze des Derwisch

Internet und Katzen sind zwei Dinge, die anscheinend untrennbar miteinander verbunden sind. Aber auch den Sufismus / taswwuf und Katzen verbindet seit vielen Jahrhunderten eine tiefe Beziehung.

Bis zum Ausbruch des aktuellen Krieges besuchte ich über Jahrzehnte hinweg mindestens einmal jährlich Syrien. Einer meiner ersten Wege in Damaskus führte mich dann regelmäßig in die Süleyman-Tekkiyye in Damaskus. In der kleinen Moschee, die zu dem Komplex gehört, gab es über lange Jahre hinweg einen alten Imam. Als ich ihn kennenlernte, war er bereits über achtzig Jahre alt. Ein kleiner, schmächtiger Mann, der mir grade bis an die Schulter reichte.

Ursprünglich stammte er aus Algerien, lebte aber wohl schon sehr lange in Damaskus. Ein ehemaliger Freiheitskämpfer und Geldeintreiber für die algerische Freiheitsbewegung, wie mir die Leute im Kunsthandwerksbasar der Anlage verstohlen zuflüsterten. Aber nicht alle Informationen erhielt ich verstohlen. Einer der Kunsthandwerker beschwerte sich bei mir offen über den Imam. Der Imam leite das Gebet falsch an, verwechsle Textpassagen und Bewegungsabläufe. Im Gespräch wurde allerdings sehr schnell klar, dass sich der Handwerker selber Ambitionen auf die Tätigkeit als Imam der Moschee machte.

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Kann man Knigge knicken?

„Gute Manieren bestehen aus lauter kleinen Opfern“ schrieb Ralph Waldo Emerson. Aber sind Opfer noch zeitgemäß, selbst wenn sie nur klein sind? Manche Ereignisse lassen leise Zweifel dazu aufkommen. Aber ist zeitgemäß gleichbedeutend mit „richtig“?

 

Anstand ist ein Kennzeichen derer, welche Gott liebt.“hadīth

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Die Weisheit der Narren

Wenn man sich längere Zeit mit dem Sufismus / tasawwuf beschäftigt, bleibt es nicht aus, dass man der „Figur“ Nasr-ud-din begegnet. Je nach Region trägt er verschiedene Namen. In der Türkei ist er etwa als Hodscha Nasreddin bekannt. Im Indo-Pakistanischen Gebiet gibt es eine Figar namens Watayo Faqir, im persischen Kulturkreis firmiert er unter Mollah Nasruddin, im arabischen oft nur unter seinem Namen ohne Titel. Hinter der Maske des „Narren“ vermittelt Nasr-ud-din Weisheit und Erkenntnis. Die Sufis werden in diesem Sinne oft als Narren bezeichnet, weil ihre Erkenntnisse meist dort angesiedelt sind, wo gewöhnliche Intelligenz oder akademische Bildung nicht greifen.

In der Einführung zu einem Buch von Idris Shah heißt es: „Was engstirnige Denker Weisheit nennen, halten Sufis oft für Unsinn, und sie bezeichnen sich daher manchmal selbst als ,Narren’. Durch einen Glücksfall hat das Wort für den ,Heiligen’ (wali), gemäß der Entsprechung von Buchstaben und Zahlen im Arabischen, den gleichen numerischen Wert wie das Wort für den ,Narren’ (balid). Wir haben also doppelten Grund, die großen Sufis als unsere eigenen Narren anzusehen.” Es kursieren hunderte dieser Geschichten, die teils in der breiten Öffentlichkeit als Witze, sogar in Boulevardzeitungen, erzählt werden, oder aber als Lehrgeschichten von Sufiorden / turuq verwendet werden. Ein Mythos besagt, dass sieben dieser Geschichten, in der richtigen Reihenfolge erzählt, zur Erweckung führen könnten. Neben der Geschichte, in der Nasr ud din im Schein einer Laterne seinen an anderer Stelle verlorenen Schlüssel sucht, dürfte die folgende Geschichte eine der bekanntesten sein.

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Universeller Gottesdienst und der Heilige Geist

„Wenn Du Angst davor hast, von Gott vereinnahmt zu werden, meditiere nicht. Sitze auf keinen Fall still.“ (frei nach Jiyu Kennett Roshi)

Im Anfang des Jahres 2009 hatte Assad Splieth auf der Leiterliste des Sufi Orden Deutschland (SOD) als konstruktive Initiative darum gebeten zu dem Thema „was ist das, die Botschaft unserer Zeit?“ Beiträge einzuschicken, um eine Debatte über die Zukunft des Sufi Ordens anzuregen. Der Rücklauf war ernüchternd. Insgesamt sechs LeiterInnen haben sich an dieser Initiative beteiligt und Antworten eingeschickt. Der Rest wartet anscheinend lieber auf die vorgefertigten Ergebnisse der vom Vorstand angekündigten Visionssuche.

Assad schrieb dann im April 2009 in seiner Antwort und Auswertung: „Ich möchte mich für euer aller Teilnahme bedanken. Aus euren Beiträgen habe ich gelernt (und hätten mehr sogenannte Leiter /innen teilgenommen, hätten wir das uns verbindende großartige Netz in diesem Austausch weitaus verzweigter entdecken und erforschen können; so hat das Netz „nur“ 6 Knoten). Ich habe gelernt: die Botschaft hat eine objektive, zeitlose Dimension, die sich der Beschreibung entzieht, und doch zu allen Zeiten der Menschen Sehnsucht und Nöte beantwortet. Es fällt uns schwer über so etwas innig Heiliges zu sprechen.“

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Rausch ist nicht unbedingt Vereinigung

Bei den Sessions auf einem Meditations-Camp in England, aber nicht nur dort, war ein Phänomen zu beobachten, bei dem die englischen Freunde die Bezeichnung ‚Space-Cadet’ verwendeten. Gemeint ist das Auftreten von Trance bei Teilnehmern von spirituellen Übungen.

In der Folge stellte sich die Frage, ob Trance mit einem Zustand von ‚samadhi’ oder ‚fana/baqa’ vergleichbar ist. Ob ‚samadhi’ und ‚fana/baqa’ vergleichbar sind, kann sicher nur jemand beantworten, der beide Zustände aus eigenem Erleben kennt. Ansonsten bliebe es Spekulation. Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen ‚Trance’ und ‚Meditation’ oder deren Zielrichtung.

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Einheit in der Vielheit

„Es gibt nicht Ödes, nichts Unfruchtbares, nichts Totes in der Welt, kein Chaos, keine Verwirrung, außer einer Scheinbaren, ungefähr wie sie in einem Teiche zu herrschen schiene, wenn man aus einiger Entfernung eine verworrene Bewegung und sozusagen ein Gewimmel von Fischen sähe, ohne die Fische selbst zu unterscheiden“ – Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie § 69

Der Sufismus / tasawwuf beinhaltet in sich selbst den Begriff und die Auffassung der Universalen Einheit. Diese Einheit wird in einem der ‚Gottesnamen‘ als al-wāḥid / الواحد (Der Eine) bezeichnet. Als Einheit gilt der / die/  das Eine, dass sich aus Seiner Gesamtheit zusammen setzt, so wie die Teile eines Puzzles in ihrer Gesamtheit das Bild ergeben. Der Qur’an, auf dem die Lehren des Sufismus / tasawwuf, wie wir in seiner Ausprägung seit dem siebten Jahrhundert westlicher Zeitrechnung kennen, beruhen und darin tief verwurzelt sind, gibt es dazu die Aussage, dass wir die Einheit nicht als ein undifferenziertes Etwas betrachten sollen. Dies würde im Grunde der Göttlichen Schöpfung widersprechen, denn: „3. ER hat den Menschen erschaffen. 4. ER hat ihn artikuliertes Denken und Reden gelehrt. (4. allamahu l-bayân)“ (Qur’an 55: 3/4). Im Qur’an wird hierfür der Ausdruck bayân verwendet. Dieser Begriff schliesst das geistige Vermögen ein, eine Sache oder auch eine Idee deutlich zu machen oder begrifflich unterscheiden zu können. Dies wird in ähnlicher Weise auch in der zweiten Sure, Vers 31 des Qur’ans betont. Die dortige Aussage: „und ER lehrte Adam die Namen aller Dinge…“ ist nicht absolut wörtlich zu nehmen, sondern schlußfolgernd als Fähigkeit zu logischer Begriffsbestimmung und begrifflichem Denken zu betrachten.

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Das Walnussgleichnis

Diese irdische Welt ist eine Karawanserei auf dem Wege zu Gott, und alle Menschen finden sich in ihr als Reisegenossen zusammen. Da sie aber alle nach demselben Ziele wandern und gleichsam eine Karawane bilden, so müssen sie Frieden und Eintracht miteinander halten und einander helfen und jeder die Rechte des anderen achten. (Al-Ghazālī, Das Elixier der Glückseligkeit, Einleitung zum Kapitel- von dem rechten Umgang mit den Menschen, S. 75)

Wer einmal eine Reise mit einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe unternommen hat, weiß, dass ‚Frieden und Eintracht‘ in einer solchen Gruppe nicht einfach so entstehen. Ohne ein Regelwerk entgleitet jede Reise schnell zu einem Höllentrip. Ein solches Regelwerk wird auch für die spirituelle Reise benötigt, und zwar nicht nur für die Gruppe insgesamt, sondern auch für einen Einzelnen. Damit eine Reise gelingen kann, zumindest wenn sie ein Ziel hat, benötigt der Reisende einige Dinge. Zum Beispiel das Wissen um die Etappen der Reise wie Al Ghazali ausführt: „ dies alles musst Du wissen, um auch nur ein wenig von Dir selbst zu erkennen. Wer aber dies nicht weiß, der wird auf dem Weg des Glaubens Beschämung finden, und das wahre Wesen der Religion wird ihm verborgen bleiben. (Al-Ghazālī, Das Elixier der Glückseligkeit, aus dem Kapitel – von der Selbsterkenntnis, S, 36/37)

Der berühmte Sufi-Meister Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī stellt in seiner Schrift „Kimiya-yi Sa’ādat (Persisch: كيمياى سعادت, Das Elixier der Glückseligkeit) die Analogie der menschlichen Entwicklung im religiösen Kontext des Islam und einer Walnuss dar.

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Klage und Selbsterkenntnis

„Du beklagst dich bei Gott, über mich, Wissender, warum? Beklage dich über die Bosheit deiner verdorbenen nafs.“  Alī ibn Abī Ṭālib

Das Konzept der nafs bildet einen festen Bestandteil der Arbeit des Sufismus/tasawwuf. Immer wieder ist das Leben so freundlich und erinnert uns daran, dass es angebracht sein könnte, sich erneut mit einem vermeintlich zurückliegenden Thema zu beschäftigen. Zum Beispiel mit dem Konzept der nafs und ihrer Arbeitsweise. Beinahe amüsant wird es, wenn es sich bei dem auftretenden Anstoß um eine Materialisierung des ‚Dunning-Kruger-Effektes’ handelt.

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Hazrat Kolumbus

Hazrat Inayat Khan und Christop Kolumbus teilen ein ähnliches Schicksal. Beide wurden lange Zeit in ihrem Bereich als ,Erster’ bezeichnet und sind eigentlich  jeweils wegen anderer Dinge wichtig. Bei beiden besteht inzwischen kein Zweifel, dass sie nicht ,Erste’ waren. Sie waren noch nicht mal ‚Zweite‘. Und es gibt eine Menge weiterer Parallelen.

Bei Kolumbus stellte sich inzwischen heraus, das Amerika weit vor ihm von Europäern ,entdeckt’ worden ist. Die Wikinger haben nachweislich lange vor Kolumbus Seereisen von Europa aus nach Amerika unternommen. Aber selbst wenn die Wikinger als ,Erste’ gelten sollten, offenbart sich damit nur der eurozentrische Blickwickel des Kolonialismus. Sowohl die Wikinger als auch Kolumbus trafen in Amerika auf Menschen. Diese sogenannten ,Indianer’ haben den Erdteil weit vorher entdeckt, denn sonst wären sie dort nicht angetroffen worden. Ihnen gebührt ohne Zweifel die ,Erstheit’, wenn es denn unbedingt eine geben muss.

Diese ,Erstheit’ hat tragischerweise die eigentliche Leistung von Kolumbus überlagert. Seine  großartige Leistung bestand eher darin, dass er entdeckte, dass es ein Windsystem gibt, das ihn von Ost nach West transportierte und umgekehrt. Eine Art Pater Noster, der für eine relativ problemlose Reise hin und zurück sorgt. Alle Atlantiküberquerungen nach Kolumbus stützen sich auf diese Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die danach perfektioniert wurde und letztendlich die Welt grundlegend veränderte.

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