Die Erbschaft

Am Neujahrstag 2016 platzte eine kleine Bombe. Pir Zia Inayat Khan verkündete per Email und Video, dass der .Internationale Sufiorden’ ab Jahresbeginn 2016 einen neuen Namen führen wird. Die Begründung dafür, zukünftig den Namen „Inayati-Orden“ zu führen, klingt absolut schlüssig und einleuchtend.

Die inzwischen eingestellte Initiative der „Whistleblowing Sufis“ hatte schon sehr viel früher mit Nachdruck den Vorschlag unterbreitet, sich in Sinne von Pir Vilayat Khans Testament eher „Pupils of Hazrat Inayat Khan“ zu nennen. Die jetzt erfolgte Umbenennung zollt diesem Vorschlag nachträgliche Anerkennung.

Tatsächlich ist die Umbenennung als eine Umsetzung des ‚Letzten Willens‘ Pir Vilayat Khans zu sehen und daher zu begrüßen.
Wir sollten uns die Schüler von Hazrat Inayat Khan nennen und darauf verzichten, Sufi-Movement oder Sufi-Orden oder Ruhaniyat zu erwähnen.“ Pir Vilayat Khan 26.04.2004

In der Tradition der turuq (Sufiorden, EZ tariqa) ist es allgemein üblich, dass die Zweige einer tariqa nach dem jeweiligen ,Gründer’ eines neuen Zweiges benannt werden. Im Falle der tariqa Hazrat Inayat Khans, die ein Zweig der Chishtiyya ist, war es also überfällig, den Namen ihres ,Gründers’ zu führen und nicht den bisher Verwendeten. Eine Begründung für die bisherige Praxis gab Pir Zia Inayat Khan schriftlich und per Videobotschaft.

„ ,Sufi Orden’ ist ein unspezifischer Name und bezieht sich allgemein auf Sufismus aber auf keine spezifische Tradition des Sufismus. Als Murschid seinen Orden im Westen gründete war kein anderer Sufi Orden in Westeuropa oder Nordamerika tätig. Es bedurfte daher keines spezifischen Namens und ein solcher hätte wahrscheinlich Verwirrung gestiftet. Dies war im Großen und Ganzen auch 1968 noch weitgehend der Fall.

Heute ist die Situation geradezu umgekehrt: es gibt viele Sufi Orden im Westen – ganz abgesehen von Asien, wo sich unser Orden ebenfalls ausbreitet – und ein unspezifischer Name ist im heutigen Umfeld daher eher eine Quelle von Missverständnissen.

In der Geschichte des Sufismus haben Orden in den Jahrzehnten nach dem Tod ihres Gründers den Namen des Gründers angenommen. Verständlicherweise hat Murschid seinen Orden nicht nach sich selbst benannt aber althergebrachter Sufi Brauch macht es für uns, die wir seinen Spuren folgen, natürlich und angebracht, die Erinnerung an ihn zu ehren und unsere Gefolgschaft zu seiner spirituellen Botschaft zu bekräftigen indem wir seinen Namen als Überschrift für unsere Arbeit nehmen.“

Diese Ausführung ist lobenswert und überwiegend zutreffend. Allerdings enthält sie eine Art der Darstellung, die in Ländern außerhalb der USA als typisch amignorant empfunden werden kann. Wobei natürlich die Frage, was als Westeuropa gelten könnte, eine verschwindend kleine Rolle spielt.

Wenn Westeuropa am Rhein endet, trifft die Aussage allerdings zu. Damit würden z.B. Deutschland und Österreich nicht mehr dazugehören. Wenn man weiter östlich ginge, würde es schon eng. Zu bedenken ist, dass Hazrat Inayat Khan auch im zaristischen Russland tätig war. Ein Land, in dem auch seine älteste Tochter Noor Inayat Khan geboren wurde. Dieses Land gehört definitiv nicht zu Westeuropa im Sinne der strengen geographischen Einteilung.

Es scheint allerdings ein Zeichen von Ignoranz oder von Wunschdenken zu sein, dass im Europa der Zeit Hazrat Inayat Khans oder gar davor keine turuq tätig waren.

In Budapest befindet sich das bisher bekannte nördlichste Grab/dargah/türbe eines Sufi Meisters. Gül Baba gründete fast 400 Jahre vor Hazrat Inayat Khan eine tekke in Europa und lehrte hier. In Bosnien und Albanien lebten und wirkten fast 500 Jahre vor Hazrat Inayat Khan Sufis der tariqa der Bektashi. Die Zahl der Mitglieder der turuq in diesem Teil Europas übertrifft bei Weitem die Anzahl der Mitglieder im vormaligen ,Sufi Orden’ um ein mehr als Vielfaches. Die Wirkungsorte Hazrat Inayat Khans London und Paris als einzige Vertreter von Europa anzusehen, grenzt an kolonialistische Sichtweise und Hybris.

Seit mehreren Jahrhunderten sind in den o.g. genannten Gebieten sheiks und murshids verschiedener turuq wie die Bektashi, Qadiri, Mevlevi und Naqshbandi aktiv. Es gibt Hunderte von tekken und Moscheen aus dieser Zeit in Europa. In einer großen Budapester Kirche gibt es sogar eine islamische Gebetsnische/qibla. Allerdings haben die turuq nicht mediale Aufmerksamkeit erstrebt und wirken meist im Verborgenen, wie es seit Jahrhunderten typisch für turuq ist.

Hazrat Inayat Khan soll laut einer Anekdote auf die Frage eines Journalisten, ob er das Haupt des Sufi Orden sei, geantwortet haben: „Ich bin nicht das Haupt, sondern die Füße.“

Mit seiner Umbenennung scheint der ,Sufi Orden’ mit den Füßen am Boden angekommen zu sein. Sollte man noch auf den Alleinvertretungsanspruch in der Geschichte Europas verzichten, würden die Füße sogar der Fortbewegung dienen können.

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