Die Hälfte des Himmels

In einem Newsletter von 2018 des Inayati Ordens wurde eine interessante Nachricht verbreitet, die im Grunde eigentlich längst überfällig war und doch ein deutliches Zeichen setzt. Die älteste Tochter und erstgebornes Kind von Hazrat Inayat Khan Pirzadi-Shahida Noor-un-Nisa Inayat Khan wurde als berechtigte Linienhalterin in die Kette der Überlieferung / silsila zwischen ihrem Vater und seinem Nachfolger Pir Vilayat Khan eingefügt. Die Nachricht ist von erfreulicher Sachlichkeit ohne Polemik geprägt und enthält die Begründung für diesen Schritt. Der Inayati Orden/tariqa ist zu diesem Schritt zu beglückwünschen und wird vielleicht für weitere Orden/turuq ein Beispiel sein können. Leider erfolgte dann der anscheinend übliche Schritt, dem Mitglieder der Inayatiyya offensichtlich reflexartig verfallen. In typisch Neo-Sufischer Tradition wird in einem offiziellen Rundschreiben eines Zweiges der deutschsprachigen Inayatiyya der og. Schritt als einmalig und absolut unüblich gepriesen. Es hätten im ,Geflecht der Linien der Überlieferungen soweit offiziell bekannt’ bisher ausschließlich Männer in der Überlieferungskette gestanden. Garniert wird der Text mit der Aussage, dass bis heute in vielen traditionellen SufiOrden/turuq Frauen nicht einmal Zutritt hätten.

Ähnlich wie im Fußball, wo ja zwischen Damen- und Herrenfußball unterschieden wird, finden sich in einer Vielzahl von Sufi-Orden/turuq auch geschlechtergetrennte Gruppen innhalb der Zweige. Dass die ,Damen’ dabei nicht so exponiert wie die Männer in der Öffentlichkeit aufscheinen, hat seine Ursache in den kulturellen Vorstellungen der  betreffenden Ländern. Die ,weiblichen’ Zweige der einzelnen Orden/turuq werden dabei von Frauen geleitet. Der Titel ,shaykha wird für diese Frauen verwendet und ich durfte bei bei meinen vielfältigen Reisen durch die islamische Welt einige dieser großartigen Frauen kennenlernen. In Ausnahmefällen wurde mir als Mann ab und an erlaubt, als Zuschauer und Gast jeweils bei einer hadra anwesend sein zu dürfen. Es trifft also vergleichend nur insofern zu, dass Frauen der Zutritt zu den Orden verwehrt wird, wie es auch Frauen bis jetzt ebenso hier im Westen verwehrt ist, in einer Männermannschaft Fußball zu spielen.

Der im Rundschreiben gepriesene ,erste Durchbruch’ im Bereich der Spiritualität findet mit der Ehrung für Pirzadi-Shahida Noor-un-Nisa allerdings genauso wenig statt, wie die gerne kolportierte Rolle von Hazrat Inayat Khan als erster Sufimeister im Westen. Beispiel finden sich in der Geschichte des Sufismus/tasawwuf immer wieder. Sicher nicht so häufig wie die Berichte über männliche Meister, was wiederum kulturelle Gründe hat, was die Rolle in der Öffentlichkeit betrifft. Der Sufismus/tasawwuf in seiner heutigen Ausprägung, und das bezweifelt kaum jemand, der sich ernsthaft mit dessen Entwicklung beschäftigt, würde ohne eine bestimmte Frau nicht so aussehen, wie er sich heute darstellt. Eine der prägenden Personen in der Frühgeschichte des Sufismus/tasawwuf war und ist Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Qaisiyya, die von Zeitgenossen und auch späteren Generation als qutb ihrer Zeit bezeichnet wurde/wird. Ihr gelang der erste Durchbruch, wenn man dann dieses Wort verwenden möchte. Über einen der größten Sufimeister, Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī, wird berichtet, dass er in seiner Jugend die ersten Schulungen in Sufismus/tasawwuf von Frauen erhielt. Von mindestens zwei von ihnen sind die Namen bekannt. Es handelt sich um Schams Umm al-Fuqara aus Marchena und Munah Fatima bint Ibn al-Muthanna aus Córdoba.

In der Geschichte des Sufismus/tasawwuf finden sich weitere Beispiel für Lehrerinnen, die als Meilensteine für die Entwicklung etlicher Meister genannt werden. Bayazid Bistami gab an, seine wichtigsten Impulse von einer alten Frau in der Wüste erhalten zu haben. Eine seiner wichtigsten Lehrerinnen benannte er mit Namen – Fatima Nishapuri. Nach seiner Aussage habe sie keine der Stationen/maqam, die er erreicht habe, nicht schon längst vor ihm erreicht. Jalal-ud-Din Rumi, auf den sich westliche Sufis gerne als Referenz für ihre Vorstellungen berufen, ist ein weiteres Beispiel. Seine Großmutter, eine Prinzessin von Chorasan, habe das ,Licht der Spiritualität’ in Rumis Vater und anderen entzündet. In Rumis Umfeld gab es eine gewisse Fakhr an-Nisa, die als die Rabia ihrer Zeit bezeichnet wurde. Es gibt Aufzeichnungen darüber, dass shaykhas zu dieser Zeit bei den Mevlevis Männer und Frauen gemeinsam unterrichteten, wie es Shaykh Hasan Dede heutzutage noch tut. Hasan Dede, der im Übrigen der Inhaber des berühmten roten Schaffells der Mevlevi Tradition ist, integriert seit Jahrzehnten, in denen ich die Ehre habe ihn zu kennen, Traditionen der Mevlevis (die berühmten Tanzenden Derwische) und der Bektashi Derwische. Männer und Frauen vollführen somit gemeinsam die sema. Dies wird bei den Bektashis übrigens seit mehreren Jahrhunderten praktiziert. Damit können sie wohl als relativ traditioneller Orden/tariqa gelten. Für die Mevlevi tariqa sind etliche Beispiele in ihrer mehr als 700 Jahre alten Geschichte mehrere Frauen als spirituelle Lehrerinnen dokumentiert. Aufgrund dieser Zeitspanne kann man diesen Orden wohl auch durchaus als traditionellen Orden/tariqa bezeichnen. Damit dürften sich die Aussagen auch in diesem Punkt aus dem Rundschreiben des Inayati Zweiges als hinfällig erwiesen haben.

Auch aus der jüngeren Vergangenheit gibt es einige Beispiele. Hier soll Lalla Zaynab stellvertretend genannt werden. Sie wurde von ihrem Vater ausdrücklich als Nachfolgerin, und damit Teil einer silsila, ernannt.  Lalla Zaynab führte den Orden/tariqa nach dem Tod ihres Vaters mit allen Rechten und Pflichten. Wie meist in der jüngeren Geschichte, endete ihre Tätigkeit durch den Kolonialismus und die westliche Hybris. Wie auch so oft die Leistungen und Tätigkeiten von Frauen im Sufismus/tasawwuf weniger durch ihre Kultur sondern durch die kulturelle Überheblichkeit des ,Westens’ ignoriert wurden. Die Darstellungen der Neo-Sufischen Aussagen triefen leider, wie so oft, von Kulturimperialismus und Hybris.

Der Inayati Orden ist ein nicht unbedeutender Orden/tariqa in der Gesamtheit des Sufismus. Dies ist vor allem seines Konzepts des ,Universellen Gottedienstes’ zu schulden. Und das ist sehr viel. Aber es ist nicht das Zentrum des Sufismus und hat diesen nicht erfunden/entdeckt. Es gab Sufismus/tasawwuf schon vorher. Bei Bedarf könnte die Liste von verdienten Frauen, shaykhas, Lehrerinnen, Meisterinnen, Pirzadas um unzählige Beispiele fortgeführt werden. Pirzadia-Shahida Noor-un-Nisa fügt sich als leuchtendes Beispiel in diese Kette der Überlieferung ein. Dafür gebührt ihr Hochachtung. Nur um Eines mache ich mir Sorgen. Den verliehene Titel ,shahida’. Das männliche Äquivalent lautet ,shahid’. Wenn die nicht-muslischen und oft islamophoben Mitglieder der Inayatiyya mitbekommen, was dieser Ausdruck bedeutet, was dann?

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