Die Katze des Derwisch

Internet und Katzen sind zwei Dinge, die anscheinend untrennbar miteinander verbunden sind. Aber auch den Sufismus / taswwuf und Katzen verbindet seit vielen Jahrhunderten eine tiefe Beziehung.

Bis zum Ausbruch des aktuellen Krieges besuchte ich über Jahrzehnte hinweg mindestens einmal jährlich Syrien. Einer meiner ersten Wege in Damaskus führte mich dann regelmäßig in die Süleyman-Tekkiyye in Damaskus. In der kleinen Moschee, die zu dem Komplex gehört, gab es über lange Jahre hinweg einen alten Imam. Als ich ihn kennenlernte, war er bereits über achtzig Jahre alt. Ein kleiner, schmächtiger Mann, der mir grade bis an die Schulter reichte.

Ursprünglich stammte er aus Algerien, lebte aber wohl schon sehr lange in Damaskus. Ein ehemaliger Freiheitskämpfer und Geldeintreiber für die algerische Freiheitsbewegung, wie mir die Leute im Kunsthandwerksbasar der Anlage verstohlen zuflüsterten. Aber nicht alle Informationen erhielt ich verstohlen. Einer der Kunsthandwerker beschwerte sich bei mir offen über den Imam. Der Imam leite das Gebet falsch an, verwechsle Textpassagen und Bewegungsabläufe. Im Gespräch wurde allerdings sehr schnell klar, dass sich der Handwerker selber Ambitionen auf die Tätigkeit als Imam der Moschee machte.

Die Treffen mit dem alten Imam liefen immer nach dem absolut selben Muster ab. Auf seine arabisch gestellte Frage, woher ich käme, antwortete ich arabisch, dass ich aus Deutschland käme.
Seine Stimme kippte dann jedesmal in ein fast hysterisches Falsett, er spannte den ganzen Körper an, sah mir forschend ins Gesicht und stieß die Frage hervor: „Kommunist?“ Auf meine Antwort, dass ich aus Westdeutschland sei, entspannte er sich sichtlich, sank in sich zusammen und murmelte laut: „Mon dieu, mon dieu“. Danach begann er auf französisch ein Kirchenlied zu singen.

Mit einer auffordernden Geste lud er mich dann ein, sich zu ihm auf den Absatz vor der Moschee zu setzen. Aus den unergründlichen Tiefen der Tasche seiner Dschallabija kramte er schrumpelige Bonbons hervor und nötigte mich, eines davon zu essen. Meist saßen wir dann schweigend eine Weile nebeneinander und sahen dem Treiben zu. Nur selten redeten wir miteinander, trotzdem stellte sich mit der Zeit eine Art Vertrautheit ein. Mit einer freundlichen Geste wurde ich dann meist nach einiger Zeit entlassen.

Wenn sich der Imam durch den Kunsthandwerksbasar bewegte, folgte ihm beständig ein Schwanz von Kindern und Katzen. Katzen waren in großer Zahl auch in und vor der Moschee präsent, worüber ich wegen des Geruchs ebenfalls Beschwerden zu hören bekam. Gelegentlich kam mir der Verdacht, dass der Imam womöglich ein Mitglied der Heddawija tariqa sein könne. Erfahren habe ich es nie.

Nach etlichen Jahren besuchte ich wie immer die kleine Moschee. Schon aus einiger Entfernung waren Veränderungen sichtbar. Es saßen keine Katzen auf dem Absatz vor oder in der Moschee; alles wirkte aufgeräumt und gesäubert. Aber gleichzeitig schien der baraka verschwunden. Der Ort wirkte seltsam leer und hohl. Im Jahr zuvor hatte mich der Imam zum ersten Mal in die Moschee eingeladen und dort mit mir gebetet. Nach dem Gebet segnete er mich und lächelte. Das Gebet hatte er übrigens absolut fehlerfrei geleitet. Wie ich erfuhr, war der Imam bald danach verstorben. Der neue Imam verteilte keine Bonbons und die Katzen hielten weiten Abstand von der Moschee.

Wie eingangs erwähnt, gibt es eine lange Tradition von Legenden und Erzählungen, die Derwische und Katzen zu verbinden scheinen. Auch dem Propheten Muhammed wird ein besonderes Verhältnis zu Katzen nachgesagt. So soll er sich den Ärmel seines Gewandes abgeschnitten haben, als er sich erheben musste, um die Katze nicht zu stören, die dort schlief. Gerne wird auch erzählt, dass die Streifen im Fell auf dem Kopf der Katze die Fingerspuren des Propheten seien.

Attar beschreibt in seiner Chronik der Meister, dass Schibli erzählte, er habe den Meister Husain al Nuri besucht. Dieser saß in so tiefer Kontemplation und Konzentration, dass sich nicht mal ein Haar an seinem Kopf bewegte. Schibli fragte al Nuri später, von wem er diese Konzentration gelernt habe. Al Nuri sagte: „Von der Katze, die vor einem Mauseloch saß, und die war noch stiller als ich.“

Sich Katzen als Vorbild zu nehmen, ist bei der hauptsächlich im Maghreb verbreiteten Heddawija tariqa noch ausgeprägter. Diese Derwische führen stets ein Katze mit sich, in der zentralen Tekke lebten zahlreiche Katzen, über die Legenden erzählt werden und die murids werden hier „Katerchen“ genannt“.

An dieser Stelle möchte ich an Tabqa gedenken. Sie wartete jeden Donnerstag, wenn wir im Zentrum eine hadra abhielten, geduldig vor der Tür, bis der dhikr beendet war. Danach stürmte sie in den Raum, wanderte von einem Anwesenden zu nächsten und wählte schließlich jemand aus, auf dessen Schoß sie sich dann  niederlegte und ausgiebig streicheln ließ.

 

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