Kann man Knigge knicken?

„Gute Manieren bestehen aus lauter kleinen Opfern“ schrieb Ralph Waldo Emerson. Aber sind Opfer noch zeitgemäß, selbst wenn sie nur klein sind? Manche Ereignisse lassen leise Zweifel dazu aufkommen. Aber ist zeitgemäß gleichbedeutend mit „richtig“?

 

Anstand ist ein Kennzeichen derer, welche Gott liebt.“hadīth

Vor einiger Zeit war ein wunderbares Beispiel für dieses hadīth bei einem Seminar von Pir Zia Inayat Khan in München zu beobachten. Ganz im Sinne von adab dreht sich Pir Zia Inayat Khan kurz vor Verlassen des Seminarraumes bei den Pausen frontal zu den Anwesenden um und betrat den Nebenraum rückwärts gehend mit der Hand aufs Herz gelegt. In der alten Tradition des tasawwuf bezeugte er so seinen Respekt und gab den Anwesenden Ehre, indem er ihnen nicht den Rücken kehrte.

 

Dieses Verhalten wurzelt tief im futuwwa und wird allgemein dem adab zugerechnet. Auch der Inayati Orden bekennt sich trotz seiner neosufistischen Auffassung auf seiner Webseite zu diesem traditionellen islamischen Konzept.

 

Auf der Webseite einer anderen tariqa kann man dazu lesen: „Adab ist ein Verhaltenskodex, der für den Sufismus zentral ist, eine Weise, den Sufi-Pfad mit der richtigen Haltung und wahren Höflichkeit zu gehen. Auf tiefster Ebene ist adab die Haltung der Seele Gott gegenüber, die Weise, wie sich die Seele vor ihrem Herrn mit äußerstem Respekt verneigt und dann diesen Respekt  in der äußeren und inneren Welt lebt. Es ist eine Weise, in seinen Handlungen und seinem Verhalten mit Gott zu sein. Mit den Worten Hujwiri’s: „Auf dem Weg zu Gott muss man sich vor Respektlosigkeit in seinem privaten wie auch öffentlichen Verhalten hüten.“ (zit. von Cyril Glasse in: The Concise Encyclopedia of Islam, HarperCollins, 1991, S. 22)  Der Wanderer auf dem Sufi-Pfad bemüht sich, diesen inneren Respekt in den Alltag zu bringen, in seinen Umgang mit anderen, mit sich selbst und mit Gott.“

 

All diese Kriterien wusste Pir Zia Inayat Khan auf das Trefflichste zu erfüllen und zeigte sich damit als von Gott Geliebter.

 

Bei dem genannten Seminar nahmen neben vielen offensichtlich „Neulingen“ auch etliche, zum Teil altgediente, LeiterInnen des Inayati Ordens teil. Bis auf einen Anwesenden, der sich regelmäßig bei Pir Zia Inayat Khans Betreten und Verlassen des Raumes erhob und die Geste erwiderte, schien sich keiner der Anwesenden um die vom Inayati Orden selbst postulierte Praxis des futawwa zu kümmern. Niemand sonst stand auf und erwiderte den ihm / ihr erteilten Respekt. Das Verhalten des Einzelnen erzeugte sichtliche Irritation. Bei dem Einzelnen verursachte das Verhalten der LeiterInnen einige Irritation.

 

Honi soit qui mal y penselautet der Wahlspruch eines berühmten Ritterordens, der sich ebenfalls die Grundlagen des futawwa zu eigen gemacht hat. Handelte es sich bei dem beobachteten Verhalten um eine Respektlosigkeit oder lediglich um die übliche neosufistische Acedia / Ignoranz? Die Antwort mögen die Betroffenen in sich selbst finden. Egal um welche der beiden Varianten es handeln möge, bleibt jedoch die Tatsache, dass futawwa in jedem Fall ein Lippenbekenntnis darzustellen schien. Schade.

Vielleicht wäre es ganz nützlich, sich trotz des vielen Schlachtenlärms, den Film „Königreich der Himmel“ anzuschauen. Der Film beinhaltet auch einige nachdenkenswerte Impule zu Ritterlichkeit, adab und futuwwa.

 

 

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