Klage und Selbsterkenntnis

„Du beklagst dich bei Gott, über mich, Wissender, warum? Beklage dich über die Bosheit deiner verdorbenen nafs.“  Alī ibn Abī Ṭālib

Das Konzept der nafs bildet einen festen Bestandteil der Arbeit des Sufismus/tasawwuf. Immer wieder ist das Leben so freundlich und erinnert uns daran, dass es angebracht sein könnte, sich erneut mit einem vermeintlich zurückliegenden Thema zu beschäftigen. Zum Beispiel mit dem Konzept der nafs und ihrer Arbeitsweise. Beinahe amüsant wird es, wenn es sich bei dem auftretenden Anstoß um eine Materialisierung des ‚Dunning-Kruger-Effektes’ handelt.

Im Übrigen handelt es sich gerade um eine typische ‚Falle’ auf dem Weg, wenn man auf der Straße der Spiritualität unterwegs ist. In seinem Buch „Entschleierung der Geheimnisse“ (kashf al-asrār) beschreibt Rashīd al Dīn Maybudī unter anderem verschiedene Ausprägungen der nafs. Als eines der Kennzeichen für die ‚betrügende nafs’ nennt er:

„Die betrügende nafs ist insofern niedriger als die befehlende nafs, als ihr die Macht fehlt, sich dem Willen einer Person zu widersetzen. Sie sucht jedoch innerlich andauernd eine Gelegenheit, um der arglosen Person einen Hinterhalt zu legen. Wenn sie zum Beispiel einen murīd sieht, der mit geistigen Anstrengungen und Askese beschäftigt und der sich auf der Stufe der Sammlung befindet, stellt sie ihm die Idee vor, eine religiöse Reise, eine Pilgerreise oder einen Besuch bei einem Schrein zu machen oder einen ‚heiligen Krieg’ zu kämpfen (oder sich einer ‚neuen’ spirituellen Idee hinzugeben). Wenn sie sagt, dass solche Tätigkeiten eine höhere Stufe der Entwicklung darstellen, dann spricht sie allgemeinen die Wahrheit. Im konkreten Fall ist das jedoch nur eine Täuschung, eine List, um dem murīd aus dem erreichten Stadium der Sammlung zu ziehen, damit seine Gedanken zerstreut werden und er in Verwirrung verfällt und es ihm so schwierig gemacht wird, das Ziel zu erreichen.“

Eine andere Erscheinungsform der nafs nennt Rashīd al Dīn Maybudī die ‚verhexende nafs’. Nach seiner Aussage befällt sie gerade jene Menschen, die sich selbst als Verehrer der Wirklichkeit (al haqq) sehen. Es sind dies oft Menschen, die sich an die Gedanken von Jalal-du-din Rumi halten, die jener in seinem großen Werk Masnavi beschreibt:

Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;

Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weiße Schönheit zeigt.

Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besaß, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.

Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.

Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;

Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.

Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. ….(Masnavi IV: 2469 ff)

Man mag sich noch so ernsthaft und durchaus erfolgreich in dieser Tätigkeit des ‚Polieren des Spiegels’ bemüht haben – dennoch ist es möglich, in eine weitere ‚Falle’ der nafs zu tappen. In dieser Ausprägung führt die nafs eher in die besonders intensive Ausübung einer spirituellen Praxis in dem Bewusstsein:

„Die verhexende nafs flüstert dem Arglosen ein: ‚Du bist viel besser als dieser verdorbene Trinker.’ Wenn man das glaubt und sich selbst als überlegen ansieht, wird man in die Zerstörung geführt.“ (Rashīd al Dīn Maybudī)

Das Konzept der nafs ist schon lange vor der Entstehung der Psychologie als eine Wissenschaft der Seele entstanden. Ihre Erkenntnisse mögen in den ‚alten Schriften’ angestaubt klingen, sind aber durch Interpretation jederzeit an ein Heute anzupassen, denn wie steht bereits im Buch Kohelet: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.“ (Buch Kohelet 1,9- 1,10)

Das Bestreben der nafs war und ist es immer, von den anderen Menschen verehrt zu werden und sie besteht darauf, dass moralische Grundsätze nur entsprechend der Auslegung der eigenen nafs befolgt werden und sie daher mehr als alles andere auf der Welt geliebt und geachtet wird.

Die nafs will in allen Situationen von den anderen als allwissende Autorität anerkannt und bewundert werden; und wünscht sich, dass die anderen sich an die Hoffnung klammern, von jener nafs anerkannt und verehrt zu werden. Diese Einstellung kann mit einem Anspruch auf Göttlichkeit verglichen werden und zeugt vom Widerstand gegen die Göttliche Autorität.

Die nafs tendiert im Übrigen dazu, schon bald aller Dinge überdrüssig zu werden. Das gilt auch und besonders für die spirituelle Arbeit. Es ist kennzeichnend für die nafs, dass sie die Aufgabe des Augenblicks loswerden will und nur Ruhe findet, wenn sie sich mit der nächsten Aufgabe beschäftigt, ohne zu bemerken, dass sie auf diese Art und Weise niemals eine Ruhepause finden wird. In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass sich der erreichte Zustand vom Erwünschten unterscheidet. Wenn es der nafs zufällig doch gelingen sollte, das zu erreichen, was sie will, wird sie trotzdem nicht zufrieden gestellt sein. Und so hetzt sie von einer spirituellen Praxis zur nächsten, ohne je die ungeahnten Tiefen der bisher Praktizierten zu erreichen.

Meist geht es mir persönlich auch so, wie es Alī ibn Abī Ṭālib beschreibt: „Mein Verhältnis zur nafs gleicht dem eines Schäfers zu seinen Schafen: je mehr er sie an einer Stelle zusammentreibt, desto mehr laufen sie an anderer Stelle auseinander.“ Aber es bleibt mir ein Trost:

„DU weißt alles, was in mir selbst ist, während ich nicht weiß, was in DEINEM Selbst ist. Wahrlich, DU allein weißt alle Dinge, die jenseits der Reichweite der Wahrnehmung eines erschaffenen Wesens sind.“ (Teil des 116. Vers der fünften Sure des Qur’an)

„Für jeden Lebenden gibt es noch Zuversicht. Denn: Ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe.“ (Kohelet 9,4)

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