Lebendiges Atmen

„Durch die Praxis des Dhikr (Erinnern Gottes) erwecken die Sufis bestimmte Zentren, die die Art und Weise steuern, wie der mind den Körper beeinflußt, und die sonst in einem schlummernden Zustand blieben … Wir erheben uns mittels des Atems wie mit einem Aufzug zu den höheren Ebenen der Existenz, halten uns dabei an dem Seil, das der physische Körper ist, fest und kehren wieder zum Erdgeschoß zurück.“ (Hazrat Inayat Khan – Spiritual Liberty)

Es sind überzeugende Berichte erhalten, aus denen hervorgeht, dass Hazrat Inayat Khan zu seinen Lebzeiten für „Neuanfänger“ unter seinen Schüler*innen / murids im ersten „Lehrjahr“ bei spirituellen Übungen (vazifa /vazaïf) ausschließlich auf Atemübungen setzte. Die Übungen mit den Namen Gottes (asma ul husna) erfolgten, wenn überhaupt, erst zu einem späteren Zeitpunkt der Schulung.

Den Zweck der Atemübungen vergleicht Hazrat Inayat Khan mit dem Aufziehen einer Uhr, die einmal aufgezogen, ohne Antrieb weiter laufe.  Es würden durch die Übungen im Körper Kanäle geöffnet und gereinigt. Beides sei eine Voraussetzung für eine erfolgreiche, weitergehende spirituelle Arbeit.

Unter den zahlreichen Atemübungen seien exemplarisch vier herausgehoben, die in ihrer Art unterschiedliche Ansätze beinhalten und damit für unterschiedliche Zwecke eingesetzt werden können. Diese Atemübungen gehören zu der gängigen Praxis im Inayati Orden und wurden von Hazrat Inayat Khan beschrieben und erläutert.

Die erste Übung besteht darin, den Atem an seiner Ein- und Austrittsstelle in der Nase zu beobachten / spüren. Diese Übung schult die Konzentration und die bewusste Wahrnehmung. Hazrat Inayat beschreibt, zum Beispiel in den Gathas, die Übung und die Ähnlichkeit zu yogischen „Techniken“ wie dem Swara Yoga. Gerade am Beginn von meditativen Übungen dürfte es meist schwerfallen, ohne Unterbrechung oder Störungen durch Gedanken zu beobachten / spüren, durch welches Nasenloch aktuell ein- und ausgeatmet wird. In älteren Schriften wird dafür die Verwendung eines kleinen Taschenspiegels empfohlen. Anhand des Beschlagens des Spiegels kann man das dominante Nasenloch damit leicht identifizieren. Meist trägt man heutzutage jedoch keinen Taschenspiegel mehr mit sich und die Handhabung erscheint mir umständlich. In der Anleitung zu dieser Übung empfehle ich den Einsatz des Handrückens zum Erspüren. Der Nutzen dieser Übung ist immens und kann zum vergleichbaren Zweck wie bei der von John Kabat – Zinn beschriebenen MBSR Methode gesehen werden.

Die zweite Übung ist der sogenannte Elementeatem oder Reinigungsatem. In festgelegter Reihenfolge wird in wechselnder Weise durch Nase und Mund ein- und ausgeatmet. Es empfiehlt sich, jede weiterführende Meditation oder ein dhikr mit dieser Atemübung zu beginnen. Der Name – Reinigungsatem – ist in diesem Fall Programm. Diese Übung kann den Boden für eine erfolgreiche und tief gehende Meditation bereiten. Ich persönlich verwende diese Übung jedoch auch als Zwischendurch-Übung, um im Alltag Raum für Ruhe und Ausgeglichenheit zu erschaffen. Mit zunehmender Routine bei der Durchführung kann nahezu „instantmäßig“ ein veränderter Bewusstseinszustand herbeigeführt werden. 

Die dritte Atemübung ist die Übung Kasab. Unter Anderem in den Githas beschreibt Hazrat Inayat Khan die Übung Kasab als Unterstützung für die Erlangung von Konzentration im Allgemeinen, aber auch um die Meditation effektiver zu gestalten. Pir Vilayat Khan nennt in seinem KIT Nr. 76 die Übung darüber hinaus geeignet, um Einsicht in die Gelegenheit eines Neubeginns zu gewinnen. Gesichert ist, dass Hazrat Inayat Khan den murids diese Übung / vazifa zur Schulung gegeben hat. Meist wird empfohlen, die Übung morgens durchzuführen. Dies erscheint sinnvoll, da die Durchführung der Übung durchaus in der Lage sein kann, Energie zu aktivieren. Diese Übung vor dem Schlafengehen zu praktizieren, kann somit durchaus zu einer „Erweckung“ führen, die so vielleicht nicht gewünscht war.

Die vierte Übung ist eine Art Königsdisziplin der Atemübungen in der Nachfolge von Hazrat Inayat Khan. Die Übung wird als „Shagal / Shaghl bezeichnet. Es wird dabei mittels bestimmter Handhaltungen versucht, die Kanäle für die äußere Wahrnehmung zumindest symbolisch zu verschließen. Die Handhaltung, wie auch die Durchführung der Übung, sollte durch eine befugte Lehrperson vermittelt werden und die dabei auftretenden Prozesse begleitet werden. Es handelt sich dabei im Prinzip um eine klassische Übung für ein Retreat, kann aber in der täglichen Praxis unter den vorgenannten Kriterien angewendet werden. Hazrat Inayat Khan beschreibt die Übung als eine Gelegenheit zur Vertiefung von Erkenntnis. Die Seele des Menschen neige immer dazu, ihre Erfahrung im Äußeren zu suchen, und bleibe daher des inneren Wesens unbewusst. Die Seele kehre üblicherweise dem inneren Leben den Rücken. Mit der Übung Shaghal schließe der Sufi die Tür, durch die die Seele zu schauen gewohnt sei. Die Seele kehre der Außenwelt den Rücken, wenn sie feststelle, dass die Türen für ihre übliche Erfahrung geschlossen sind. Dies sei ein Sicht- oder Perspektivwechsel für die Seele, die nun eine ganz andere Sphäre vor sich sehe. Diese Sphäre sei abstrakt; in dieser Sphäre werde die Einzelseele zu einem kosmischen Geist erhoben. Dies wird als malakut, die Welt der Engel, beschrieben. Auf dieser Ebene könne ein Austausch zwischen der Einzelseele und dem Göttlichen stattfinden. Diese Erfahrung dabei kann so profund sein, dass sie ohne erfahrene Begleitung und Unterstützung zu psychischen Schäden führen kann. Daher ist darauf zu verzichten, die Übung ohne Anleitung und Begleitung zu praktizieren.

Daneben werden in der Inayatiyya weitere Atemübungen verwendet, die oft aber nicht eindeutig auf Hazrat Inayat Khan zurückgehen und meist anderen Traditionen, wie zum Beispiel der Tibetischen, entstammen. Woher die Atemübungen auch stammen mögen, stellen sie doch einen wichtigen Baustein in der spirituellen Entwicklung dar, denn: 

„Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das ganze Wunder des Lebens im Geheimnis des Atems besteht. Sobald man das Wissen vom Atem erlangt hat und ihn durch Übung zu meistern versteht, erlebt man im Inneren wie außen Wunderbares. Viele bleiben Zweifler, bis sie das Geheimnis des Atems ergründet haben. Sobald sie es kennen, nennen sie es, so wie die Hindus es seit Jahrhunderten nennen: Atem-Leben.“ (Hazrat Inayat Khan, Gathas IV / III S. 178)

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