Das Walnussgleichnis

Diese irdische Welt ist eine Karawanserei auf dem Wege zu Gott, und alle Menschen finden sich in ihr als Reisegenossen zusammen. Da sie aber alle nach demselben Ziele wandern und gleichsam eine Karawane bilden, so müssen sie Frieden und Eintracht miteinander halten und einander helfen und jeder die Rechte des anderen achten. (Al-Ghazālī, Das Elixier der Glückseligkeit, Einleitung zum Kapitel- von dem rechten Umgang mit den Menschen, S. 75)

Wer einmal eine Reise mit einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe unternommen hat, weiß, dass ‚Frieden und Eintracht‘ in einer solchen Gruppe nicht einfach so entstehen. Ohne ein Regelwerk entgleitet jede Reise schnell zu einem Höllentrip. Ein solches Regelwerk wird auch für die spirituelle Reise benötigt, und zwar nicht nur für die Gruppe insgesamt, sondern auch für einen Einzelnen. Damit eine Reise gelingen kann, zumindest wenn sie ein Ziel hat, benötigt der Reisende einige Dinge. Zum Beispiel das Wissen um die Etappen der Reise wie Al Ghazali ausführt: „ dies alles musst Du wissen, um auch nur ein wenig von Dir selbst zu erkennen. Wer aber dies nicht weiß, der wird auf dem Weg des Glaubens Beschämung finden, und das wahre Wesen der Religion wird ihm verborgen bleiben. (Al-Ghazālī, Das Elixier der Glückseligkeit, aus dem Kapitel – von der Selbsterkenntnis, S, 36/37)

Der berühmte Sufi-Meister Abū Ḥāmid Muḥammad ibn Muḥammad al-Ghazālī stellt in seiner Schrift „Kimiya-yi Sa’ādat (Persisch: كيمياى سعادت, Das Elixier der Glückseligkeit) die Analogie der menschlichen Entwicklung im religiösen Kontext des Islam und einer Walnuss dar.

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Begriff und Bedeutung

Seit Längerem wird über die ‚wahre‘ Bedeutung des Wortes ‚Sufi‘ diskutiert. Nur über eins kann man sich wohl ohne Zweifel im Klaren sein. Das Wort ‚Sufismus‘ ist eine Schöpfung des beginnenden Orientalismus des 19. Jahrhunderts und kann nicht auf alte Quellen zurückverfolgt werden. Die Sufis verwendeten/verwenden den Begriff tasawwuf, um die ‚Lehre‘ und den Weg der Sufis zu bezeichnen.

Wer oder was nun ein Sufi ist, und worin dessen Kennzeichen bestehe, wird oft mit dem alten Aphorismus beantwortet: „Frage 100 Sufis, was ein Sufi ist und du wirst 101 Antworten erhalten.“

Hier folgt nun eine dieser Antworten. Alle 100 Sufis sind sich wohl darüber einig, dass die Bezeichnung ‚Sufi’ keinen etymologischen Bezug zum griechischen Wort sophia (Weisheit) besitzt. Die Ansicht, dass sophia der Bezug sei, wird ausschließlich von Vertretern Neo-Sufischer Organisationen vertreten, die damit eine Legitimation für ihre Sichtweise des tasawwuf herstellen möchten, dass der ‚Sufismus’ vollkommen losgelöst vom Islam existiere und nichts mit jenem gemein habe.

Neben verschiedenen weiteren möglichen Ableitungen wird heute überwiegend davon ausgegangen, dass sich das Wort ‚Sufi‘ von dem arabischen Wort ṣūf ‏صُوف‎ – „Schurwolle“ ableitet. Meist wird in diesem Zusammenhang auf das Gewand aus Schurwolle hingewiesen, das die ‚Sufis‘ anscheinend seit Beginn ihres Auftauchens trugen. Irritierend und gleichzeitig erhellend ist die Tatsache, dass in Quellen aus dem elften Jahrhundert, wie zum Beispiel, den Schriften von Hujwiri erklärt wird, dass es keine etymologische Erklärung für das Wort ‚Sufi‘ gibt.

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