Universeller Gottesdienst und der Heilige Geist

„Wenn Du Angst davor hast, von Gott vereinnahmt zu werden, meditiere nicht. Sitze auf keinen Fall still.“ (frei nach Jiyu Kennett Roshi)

Im Anfang des Jahres 2009 hatte Assad Splieth auf der Leiterliste des Sufi Orden Deutschland (SOD) als konstruktive Initiative darum gebeten zu dem Thema „was ist das, die Botschaft unserer Zeit?“ Beiträge einzuschicken, um eine Debatte über die Zukunft des Sufi Ordens anzuregen. Der Rücklauf war ernüchternd. Insgesamt sechs LeiterInnen haben sich an dieser Initiative beteiligt und Antworten eingeschickt. Der Rest wartet anscheinend lieber auf die vorgefertigten Ergebnisse der vom Vorstand angekündigten Visionssuche.

Assad schrieb dann im April 2009 in seiner Antwort und Auswertung: „Ich möchte mich für euer aller Teilnahme bedanken. Aus euren Beiträgen habe ich gelernt (und hätten mehr sogenannte Leiter /innen teilgenommen, hätten wir das uns verbindende großartige Netz in diesem Austausch weitaus verzweigter entdecken und erforschen können; so hat das Netz „nur“ 6 Knoten). Ich habe gelernt: die Botschaft hat eine objektive, zeitlose Dimension, die sich der Beschreibung entzieht, und doch zu allen Zeiten der Menschen Sehnsucht und Nöte beantwortet. Es fällt uns schwer über so etwas innig Heiliges zu sprechen.“

Besonders Assads Satz über die Sehnsucht und Nöte der Menschen verleitet mich als einer der sechs Knoten dieses Netzes, das Thema nicht ruhen zu lassen, auch wenn ich zwischenzeitlich nicht mehr Mitglied in der Institution SOD bin. Die Botschaft liegt mir weiterhin unverbrüchlich am Herzen, denn im Gegensatz zum SOD hat die Botschaft eine sichere Zukunft.

Es ist mehrfach durch die sog. ‚whistleblowing Sufis‘ auf der Leiterliste und allgemein im Orden vor dem Weg in die Sackgasse gewarnt worden. Stattdessen ging die Fahrt ungebremst weiter. Die konstruktiven Vorschläge, in welche Richtung sich der SOD durch Besinnung auf die eigentlichen Prioritäten weiterentwickeln könnte, sind unkommentiert versandet. Das mag an Ursachen liegen, über die Pir Vilayat Khan im KIT 117b ‚prophetisch‘ und treffend schrieb:

„So wie es zu einer Zeit von überall den Ruf gab, das Eigeninteresse zu wahren, ist jetzt der Zeitpunkt für die Botschaft gekommen, die die Menschen aufruft, einander zu verstehen und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Das Glück und der Frieden jedes einzelnen hängen vom Glück und Frieden aller ab. Die vollständige Freude liegt darin, die Freude miteinander zu teilen. Der Selbstsüchtige genießt, ohne sich um andere zu kümmern. Was immer er genießt, Dinge der Erde oder Dinge des Himmels – seine Freude ist nicht vollständig. Auf dieser dritten Stufe ist das Befolgen der Botschaft erfüllt, wenn man sie vernommen und über sie nachgedacht und denselbn Segen an andere weitergegeben hat.

Der Sufi-Orden oder die esoterische Schule war die Schule für das Training, das die Tür zur Spiritualität der Zukunft geöffnet hat, die als die Botschaft bezeichnet wird.

Unsere Aktivität im Bereich der Religion ist eine Nebenaktivität, wenn man die esoterische Schule und die Esoterik als Hauptaktivität betrachtet, und doch ist diese Aktivität und nicht die esoterische Schule die Antwort auf den Schrei der ganzen Menschheit. … (kursive Texte sind im Original Zitate von Hazrat Inayat Khan (s.a.))“

Als eigentliche Hauptaktivität für die sich entfaltende Zukunft beschreibt Pir Vilayat Khan also den Universellen Gottesdienst und nicht die Arbeit der esoterischen Schule, so wertvoll jene auch sein möge. Im KIT 118 warnt Pir Vilayat Khan eindrücklich vor der Entwicklung zu einer Sekte, wenn das eigentliche Ziel aus den Augen verloren wird und Herausforderungen nicht angenommen werden, sondern die Enge des kleinstmöglichen Nenners als Maßstab genommen wird. Im Interesse des Konformismus in Gestalt der Harmonie wird dagegen in der gegenwärtigen Praxis und entgegen des Anspruchs von Pir Vilayat Khan anstelle des Fahrzeugs die Botschaft geopfert. Er hat es geahnt /gewusst, denn…

„Dies muß vorsichtig artikuliert werden, so daß die Einsicht und Weisheit derer, die Positionen von größerer Verantwortung übernehmen, nicht von besitzergreifenderen und dominanteren Partnern behindert wird. Das ist eine
Vorsichtsmaßnahme für die Zukunft, trifft aber nicht auf unseren gegenwärtigen
Gruppenprozeß zu, der auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt beruht.“ (Pir Vilayat Khan KIT 118)“

Nach meiner Einschätzung trifft diese Aussage von Pir Vilayat Khan als einziger Punkt in dem überaus lesens- und nachsinnenswerten KIT 118 in der aktuellen Situation nicht mehr zu. Das inzwischen deutlich zu Tage tretende mangelnde Vertrauen und der fehlende Respekt im Gruppenprozess sind das traurige Ergebnis der alles Lebendige erwürgenden Enge von sinnentleerter Harmonie, Anhaftung an ausgehöhlte Rituale und die krampfhaft bestrebte Erhaltung liebgewordener Gewohnheiten und Privilegien. Schon Heinrich Heine schrieb
im „Deutschen Wintermärchen“:

„Sie sang das alte Entsagungslied, Das Eiapopeia vom Himmel, Womit
man einlullt, wenn es greint, Das Volk, den großen Lümmel.“

Die angekündigte Visionssuche wird wahrscheinlich in dieses Lied einstimmen, anstatt die Karten neu zu mischen und die Prioritäten in der Arbeit den Erfordernissen anzupassen. Um nicht missverstanden zu werden – ich halte
die Arbeit der esoterischen Schule für immens wichtig, denn die Situation hat
sich seit Hazrat Inayat Khans (s.a.) Zeiten nicht wesentlich geändert.

„Es ist ganz natürlich, daß es schwierig ist, in einer weltweiten Sache genügend Arbeiter zu haben, um überall den Bedarf zu decken. Aber das muß man verstehen: Über je mehr Arbeiter für die Sache wir verfügen, desto mehr Unterstützung und Kraft fließen in die Verbreitung der Botschaft.

Obwohl wir sehr wenige sind, deren Bestimmung es ist, Gott und der Menschheit in dieser Hinsicht zu dienen, sollten wir uns gesegnet fühlen. Durch die Kraft dieses Segens sollten wir uns gänzlich ermutigt und unterstützt fühlen, Gott und der Menschheit zu dienen. Sind die Arbeiter dieser Botschaft Priester? Nein, sie sind die Soldaten der Friedensarmee, der Armee, die dafür arbeitet, Frieden unter den verschiedenen Religionen dieser Welt zu bringen, die miteinander diskutieren und streiten und sich voneinander getrennt halten und die die Religion des anderen als falsch betrachten.“ (Hazrat Inayat Khan (s.a.))

Die esoterische Schule hat somit die Aufgabe, wie es wohl inzwischen Auftrag der Suluk Akademie ist, die Soldaten dieser Friedensarmee auszubilden und in den nötigen Fähigkeiten zu trainieren, die Botschaft zu verbreiten, aber sie ist nicht der Selbstzweck. Die Aufgabe im Sufi Orden kann nicht alleine und vordringlich darin bestehen, das ‚Heer‘ zu vergrößern, sondern – um im von Hazrat Inayat Khan (s.a.) oft verwendeten militärischen Sprachgebrauch zu bleiben – darin, der Generalstab für die eigentliche Aufgabe zu sein. Und diese eigentliche Aufgabe ist es nun Mal, den „Schrei der Menschheit“ zu hören und zur Linderung der Not beizutragen. Die erfolgreichen ‚Konkurrenten‘ tun dies z.B. mit den Tänzen des universellen Friedens und nicht durch die Übertonung der Ausbildung von Tanzlehrern.

Sicher, es gibt den entsprechenden Spezialzweig im Sufiorden mit der Ausbildung zum Cherag, aber der Universelle Gottesdienst führt in der Struktur des SOD doch wohl eher ein Schattendasein, obwohl er doch eigentlich den Kern der Botschaft darstellt.

In diesem Zusammenhang beschleicht mich ein gewisses Unbehagen, vor allem, wenn ich an die gelegentlichen persönlichen Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahren denke. Mein Unbehagen besteht darin, dass bei mir häufig
der Eindruck entsteht, meine Vorstellungen vom Universellen Gottesdienst seien
doch wesentlich andere.

Worin besteht nun also mein Unbehagen? Es resultiert aus etlichen Gesprächen und Mailwechseln und führt zu der Erkenntnis, dass es offensichtlich unterschiedliche Vorstellung über den Universellen Gottesdienst und damit über
die Botschaft gibt.

Zur Verdeutlichung meines Standpunktes hier das alte Gleichnis von Rumi (s.a.).

„Vier Männer, ein Perser, ein Türke, ein Araber und ein Grieche
waren unterwegs zu einem fernen Ort.
Sie stritten sich, wie sie das einzige
Geldstück, das sie noch besaßen, ausgeben sollten.

Ich möchte angur kaufen, sagte der Perser.
Ich will uzum, meinte
der Türke.
Nein, ich will inab, sagte der Araber.
Ach was, sagte der Grieche,
wir sollten stafil kaufen.
Ein anderer Reisender, ein Sufi, der gerade
vorüberkam, sprach sie an: Gebt mir eure Münze. Ich werde einen Weg finden,
euer aller Wünsche zu befriedigen.

Zuerst wollten sie ihm nicht trauen, dann aber gaben sie ihm die
Münze. Er ging zum Stand des Obsthändlers und kaufte vier Büschel
Weintrauben.
Da ist ja mein angur, sagte der Perser.
Das ist doch genau das,
was ich uzum nenne, rief der Türke.

Sie haben mir inab gebracht, sagte der Araber.
Ach was, sagte der
Grieche, in meiner Sprache heißt das stafil.
Die Männer ließen jeden Streit
sein und teilten sich die Weintrauben.“

Der Universelle Gottesdienst und das Erhabene daran bestehen im Teilen der Weintrauben und nicht darin, dass die Beteiligten ihren bisherigen Bezeichnungen entsagen und ein neues Wort lernen. Sie behalten ihre bisherige Sprache und können durch die Vermittlung eines Kundigen ihren Streit beilegen und gemeinsam die Früchte genießen.

Der Sufismus ist also nicht eine neue Religion, etwa die ‚Religion des Herzens‘, die sich als Ersatz für alle bisherigen Religionen anbietet. Der Universelle Gottesdienst ist vielmehr ein Ort des Waffenstillstandes oder des Burgfriedens, an dem sich die Abgesandten der unterschiedlichen Religionen als Gleichberechtigte begegnen können, ohne sich etwas oder jemand unterwerfen zu müssen, ganz im Sinne von Hazrat Inayat Khan (s.a.) „Einheit ist nicht Uniformität.

Die Vielfalt zu erkennen und wertzuschätzen, war ein wichtiges Anliegen von Hazrat Inayat Khan (s.a.) und nicht nur aus seinem Satz „All die unterschiedlichen Religionen sind verschiedene Noten, und wenn sie zusammen arrangiert werden, bringen sie Musik hervor.“ lässt sich die Stoßrichtung der Botschaft ableiten. Mit dem Universellen Gottesdienst – und damit auch mit dem Sufismus – wird weder beabsichtigt eine neue Religion oder Glaubensgemeinschaft zu begründen, noch wird Uniformität oder Synkretismus der bestehenden Religionen angestrebt. Vielmehr kann jeder seiner eigenen religiösen Weltanschauung treu zu bleiben und erleben, dass dennoch ein friedliches Miteinander möglich ist. Und das ist das wirklich Großartige an der Botschaft.

Wie wichtig genau dieser Punkt ist, beschrieb schon viele hundert Jahre vor Hazrat Inayat Khan (s.a.) der große Sufimeister Ibn Arabi (s.a.). „Der Gott, der in einem Glauben ist, ist der Gott, dessen Form das Herz enthält und der sich dem Herzen in einer solchen Weise offenbart, daß das Herz Ihn erkennt.
… Da die Form, in der Er sich in einem Glauben offenbart, die Form dieses
Glaubens ist, nimmt die Gotteserscheinung die Dimension des Gefäßes an, das sie empfängt, des Gefäßes, in dem Er sich offenbart. … Daher gibt es viele
Glaubensbekenntnisse. Für jeden Gläubigen ist das göttliche Wesen Er, der ihm
in der Form seines Glaubens enthüllt wird. Wenn Gott sich in einer anderen Form
zeigt, weist der Gläubige Ihn zurück. Das ist der Grund, warum die dogmatischen
Glaubensrichtungen einander bekämpfen.“

Die Sufibotschaft und damit der Universelle Gottesdienst ist Angesicht der aktuellen Weltlage ein immer wichtiger werdendes Angebot für einen Weg aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Aber nicht dadurch, dass sie eine weitere neue Religion (der bloß alle folgen müssen, damit alles gut wird) darstellt – etwa die „Religion des Herzens“ oder eine Art religiöser Bauchladen der pantheistischen Beliebigkeit, wie gewisse Gedichte von Ibn Arabi (s.a.) und Rumi (s.a.) gerne interpretiert werden, sondern durch den wirklich großartigen Schritt, wie ihn Hazrat Inayat Khan (s.a.) beschreibt: „Die Sufi-Bewegung wird versuchen, Sektiererei zu vermeiden, die die Menschheit zu allen Zeitaltern der Weltgeschichte gespalten hat. Die Sufi-Botschaft steht nicht im Widerspruch zu irgendeiner Religion oder einem Glauben; sie unterstützt im Gegenteil alle Religionen, sie ist eine Verteidigung, für Religionen, die von den Anhängern anderer Religionen angegriffen werden. Gleichzeitig bringt die Sufi-Bewegung der Menschheit die Religion, die in Wirklichkeit alle Religionen ist. … Die Sufi-Bewegung ruft den Menschen nicht von seinem Glauben oder seiner Kirche fort – sie ruft den Menschen auf, seine Religion zu leben. … Daher steht die Sufi- Bewegung nicht als ein Hindernis zwischen ihrem Mitglied und seinem eigenen religiösen Glauben, sondern als eine offene Tür, die in das Herz seines Glaubens führt.“

Der Weg des Universellen Gottesdienstes ist es, seinen eigenen Glauben in der gemeinsamen Feier mit Andersgläubigen zu erfahren und zu vertiefen, ihn dabei nicht als etwas Trennendes, sondern durch das Erleben der gemeinsamen Quelle von Religion als etwas Verbindendes zu begreifen und das trotz der Beibehaltung aller Unterschiedlichkeit. Im Grunde ein Koan und letztlich eben auch genau mit dessen Zielsetzung.

An dieser Stelle kommt die esoterische Schule ins Spiel. Sie sollte im Idealfall das Fundament für die Verbreitung der Botschaft legen, in dem sie den ‚Botschafter‘ einsatzfähig macht. Die Schulung hat die Aufgabe, des Botschafters vorhandene Religion zu vertiefen und dabei zu helfen, den Blick auf das Eigene zu schärfen. Durch die Vertiefung des eigenen Glaubens wird man – wahrscheinlich schon wieder ein Koan – toleranter anderen Anschauungen gegenüber. Man muss nur verteidigen, was man nicht sicher hat. Je verwurzelter man ist, desto weniger Angst hat man vor dem „Wind des Gegenübers“. Ibn Arabi (s.a.) und Rumi (s.a.) konnten ihre einschlägigen Gedichte schreiben, weil sie sich ihres eigenen Glaubens und ihrer Verwurzelung darin – in ihrem Fall im Islam – so sicher waren, so dass sie den Wind nicht fürchteten. In diesem Zusammenhang verweise ich noch Mal auf mein Statement „der Sufiorden und der Islam“ und das darin enthaltene Zitat von Sheikh Muzaffer Ozak: „Sufitum ohne Islam ist wie eine Kerze, die im Freien brennt, ohne eine Laterne. Es gibt Winde, die die Kerze ausblasen könnten. Aber wenn Du eine Laterne hast mit einem Glas, das die Flamme schützt, wird die Kerze sicher weiterbrennen.“ Wahlweise lässt sich das Wort „Islam“ auch gegen „tiefer Glaube“ austauschen.

Dazu ist es unabdingbar notwendig, die Dimension der Tiefe des eigenen Glaubens zu kennen, wie auch Hazrat Inayat Khan schrieb: „Versteht jeder Christ die Bibel? Kennt jeder Muslim den Koran oder jeder Hindu den Vedanta? Nein, vielleicht kennen sie die Worte der Verse, aber nicht immer die wirkliche Bedeutung. Unter den Muslims gibt es solche, die den ganzen Koran auswendig kennen, aber das erfüllt nicht den Zweck.“

Und genau hier liegt das Problem. In dem allegorischen Roman von Edwin Abbott, Flächenland, veröffentlich 1884 unter dem Pseudonym A. Square, wird eine Welt beschrieben, die nur zwei Dimensionen hat und in der das Auftauchen einer Kugel für Verwirrung sorgt. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns auch in der Frage der Religion. Erst wenn wir die zusätzliche Dimension kennen, legt sich die Verwirrung und die Angst. Diese Dimension erleben zu können, muss allerdings so etwas geschehen, wie im Evangelium nach Lukas (Lk 24,49) beschrieben wird, dass der Gottesgeist als ‚Kraft aus der Höhe‘ herabkommen wird. Dafür wird die esoterische Schule benötigt.

Qalbi Qadir Abd ar Rahman, 
Stockerau, 28. Shaban 1430 / 20.August
2009

Fortsetzung in Teil 2

Der Universelle Gottesdienst und der Heilige Geist Teil 2

Die Dimension, um die es dabei geht und für deren Erlangung also die esoterische Schule das nötige Rüstzeug bereitstellen soll, ist die Antwort auf die Frage an Hazrat Inayat Khan (s.a.), worin genau seine Botschaft bestünde: „Im
Erwachen der Menschheit zur Göttlichkeit des Menschen.“ (Kit 94)

Dieses Erwachen ist von einem nicht geringen Gefahrenpotential begleitet, vor dem Pir Vilayat Khan eindrücklich und ausführlich in KIT 150 gewarnt hat. Die Gefahren sind bereits auch von den ‚alten‘ Meistern beschrieben worden und haben in der Konsequenz die Begleitung durch Lehrer und die Verbindung mit der silsila nach sich gezogen. Dem Guide kommt dabei eine besondere Verantwortung zu, denn es geht hierbei nicht allein um die Betreuung von murids, sondern auch um die Botschaft selber.

Pir Vilayat Khan schrieb dazu in Kit 153 „Je höher der Einweihungsgrad, desto größer ist die Verantwortung dafür, beständig jede Abweichung von der Vision der
kosmischen Reichweite der Botschaft zu korrigieren. Man könnte das mit dem Bild
eines Dirigenten veranschaulichen, der das Orchester ständig unterbricht, um
einen falschen Ton oder eine fehlerhafte Interpretation so zu korrigieren, wie
er die Intention des Komponisten versteht. (Sonst wird aus Ordnung Unordnung.)“

Aufgabe der esoterischen Schule ist es somit, wie in dem Zitat beschrieben, dafür zu sorgen, dass Verzerrungen der Vision bereinigt und korrigiert werden. Darüber
hinaus soll der Einzelne in die Lage versetzt werden, mit dem einhergehenden
Prozess der persönlichen Transformierung umgehen zu können. Die Umwandlung ist deswegen notwendig, damit die Aufgabe der Verbreitung der Botschaft ohne Gefahr für die Botschaft und den Botschafter übernommen werden kann. Die strategische Grundannahme dazu hat Pir Vilayat Khan u.a so beschrieben: „Dieser selbe Prozeß findet statt, wenn unsere Psyche durch die Macht des Heiligen Geistes verwandelt wird, so daß der makellose Kern unseres Wesens die Oberhand über seine Besudelung gewinnt. … Das Ewige findet sich im Werdenden. Es ist eine Virtualität, die sich in jedem Teil des Ganzen – nichts anderes sind wir selbst und sind die anderen – realisiert. „Wenn ein Mensch zum Geist der Einheit erwacht und in allem die Einheit sieht, verändert sich seine Sichtweise und mit ihr seine Haltung. Nichts und niemand ist mehr von ihm
getrennt.“(Pir-o-Murshid Inayat Khan) Es ist allerdings nicht damit getan,
an das metaphysische Konzept „Alles ist eins“ einfach nur zu glauben. Die Erfahrung schlüpft durch die Maschen des Wissens, das versucht, sie festzuhalten. Und umgekehrt: Wird Wissen uns zu Erfahrung anregen? Dazu, das,
was wir wissen, auch zu erfahren?“ KIT 103

Pir Vilayat Khan stellt hier indirekt die Frage nach der gegenwärtigen Effektivität der esoterischen Schule und ihrer Methoden. Entsprechende Anregungen, sich mit dieser Frage zu befassen und ggf. Korrekturen vorzunehmen, wurden übrigens im SOD, wie schon Methode, weder offiziell wahrgenommen, geschweige denn beantwortet. Als Beispiel soll der folgende Ausschnitt dienen.

„…. Ich sage nicht, unsere Sufi-Retreats seien schlecht. Ich sage, sie könnten noch besser sein als sie sind…
…Ich behaupte: eine qualitative Veränderung im Bereich der psychischen Immanenz, d.h. eine Veränderung, die den Namen auch verdient; bedarf notwendig der tiefgreifenden transzendenten Erfahrung (z.B. vom Saulus zum Paulus).
…„Bismillah, stirb bevor Du stirbst“, spricht der Prophet. Es kommt der Tag wo unsere Persönlichkeit wie unser Körper auseinanderfällt. Wohl dem, der dann mit seinem immanenten Wirken auf der Erde zufrieden ist. Wohl dem, der dann bereits einmal gestorben ist und keine Angst hat vorm Zerfall des Vergänglichen, dem, der bereits in in der eigenen alchemistischen Suppe kochte und verdampfte.“ Assad Peter Splieth, Zur Entwicklung und Auflösung von Persönlichkeit, 2002

Was Assad Peter Splieth hier beschreibt, lässt sich auch mit dem Stichwort ‚Erwachen‘umschreiben, das im Sufismus und anderen esoterischen Schulen immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Ähnlich wie die Flächenländer aus dem Roman staunend eine neue Dimension entdecken und in eine gänzlich veränderte Welt erwachen, schildert es auch Pir Vilayat Khan im KIT 12 „Man könnte Erwachen beschreiben als das, was vermutlich einer lebenden Zelle passieren würde, wenn sie den Code des ganzen Körpers entdeckte und fähig wäre, sich selbst als Ausdruck dieses Codes zu sehen, und – um das Argument ins Unendliche zu erweitern – ins Denken des Universums hineinreichen und sich selbst als einen Ausdruck dieses Denkens sehen könnte. Oder wie ein Dorfbewohner auf einer Weltreise.“

Dieses Erwachen ist im ersten Moment allerdings nicht immer mit Freude verbunden; im Gegenteil kann dies Erwachen als Schock erlebt werden. Unter Umständen ist dies etwa als Vorbote für ein Erwachen während einer Meditation als Unruhe und unerklärliche Panik spürbar. Im Übrigen gibt es etliche Berichte aus allen Zeiten der Spiritualität über Zustände von Verwirrung mit eher unangenehmem Tenor. Eine der Ursachen dafür und einen möglichen Verlauf beschreibt Pir Vilayat Khan im KIT 99: „Es gibt noch mehr solche Quantensprünge in unserem Denken, oder, vielleicht sollte ich besser sagen, in unserer Erkenntnis. Sie brechen als Schocks in Form von Erweckungen über uns herein; dabei macht es nicht nur einen Ruck in unserer Identität, sondern wir entdecken diese
Super-Logik, die unserer gewöhnlichen (syllogistischen) Logik trotzt – das, was
Pir-o-Murshid „the reason of reasons“ nennt, zu deutsch etwa „die aller Vernunft zugrunde liegende Vernunft“. Tatsächlich ist dies, mehr als nur ein Aufwachen aus unserer Sinneswahrnehmung und der sich aus ihr ergebenden Weltsicht, ein Erwachen aus unserem üblichen begrifflichen Denken. … Wann immer wir im Leben versuchen, den Sinn zu erfassen, stoßen wir auf Paradoxes. Wir werden von Freude erschüttert, von Schmerz gequält und überschwemmt, erleuchtet durch Blitze von Freude – und, jenseits davon, Ekstase.“

Wer sich also auf den Weg macht, hat nicht unbedingt mit eitlem Sonnenschein zu rechnen. Obendrein sollte man sich darüber im Klaren sein, ob man den Preis dafür bezahlen will. Der Preis ist unterschiedlich hoch und richtet sich fast
kapitalistisch nach Angebot und Nachfrage. Je größer das Ego und der Wille es
zu behalten, desto mehr wird man bezahlen müssen. Eine Anleitung für die
grundsätzlichen Schritte gibt Pir Vilayat Khan im KIT 150.

„Um sich einer Transformation zu unterziehen, muß man drei Schritte machen:
1. sich von seinem Selbstbild befreien,
2. die Struktur der Eigenarten seiner Persönlichkeit auseinandernehmen,
3. eine völlig neue Konfiguration seiner Qualitäten konstruieren unter Verwendung seiner transpersonalen Hilfsquellen

Damit eine radikale Verwandlung in unserer Persönlichkeit stattfindet, muss man sich einem Zusammenbruch seiner Persönlichkeitsstruktur unterwerfen, der die Bedingung für einen wundersamen Durchbruch ist. Hazrat Inayat Khan: „Für einige Menschen kommt er in einem Augenblick – aufgrund eines Schicksalsschlags, einer Enttäuschung, oder weil ihr Herz gebrochen wurde“ .

Während man in immer tiefere Dunkelheit hineinwankt, in die tiefste Phase der dunklen Nacht, bricht, wie der heilige Johannes vom Kreuz betont, unser Identitätssinn zusammen – unsere Persönlichkeit bricht zusammen. Das ist es, was er die dunkle Nacht der Seele nannte Das Leben, das man kennt, ist nur der sterbliche Aspekt des Lebens. Sehr wenige überhaupt haben jemals den unsterblichen Aspekt gesehen oder ihn sich bewusst gemacht.
Sobald man das Leben erkannt hat, findet man, daß das, was man bis dahin Leben genannt hat, nur ein Schimmer oder Schatten vom wahren Leben ist, das jedes Begreifen übersteigt. Um dies zu verstehen, wird man sein Licht unter der
Tarnung, die es wie ein Scheffel verbirgt, hervorholen und hoch erheben müssen.
Diese Tarnung ist die Identifikation des Menschen mit seinem Gemüt und seinem
Körper; es ist eine Tarnung, welche die Aktivität des Lichts auf die Welt der
Dinge und Wesen gerichtet hält“ . (In an Eastern Rose Garden)

Das Ergebnis ist ein Ereignis, das unter anderem in der Pfingstgeschichte
beschrieben wird.

 

Bild Heiliger Geist Kirche Malta

 

Auf diesem Bild, das aus der Kathedrale St. Peter und Paul in Mdina/Malta stammt, ist ein weiterer Aspekt symbolisch dargestellt. Im islamischen Kulturkreis wird der Begriff sakina (arab. as-sakīna, السكينة) für einen bestimmten Zustand der Seele verwendet. Typisch ist Qur’an 48:4: „Er ist’s, welcher hinabgesandt hat die Ruhe (sakina) in die Herzen der Gläubigen, damit sie zunehmen an Glauben zu ihrem Glauben…“ Für das Wort sakina wären am Ehesten Begriffe wie Seelenfrieden, Gelassenheit, Sicherheit und Gottesbewusstsein als deutsches Äquivalent zu verwenden. Aus diesem Zustand heraus ist es leicht, ohne Streit und Abgrenzung einen anderen Glauben stehen zu lassen und sich nicht aus instabiler Ego-Sicherheit als Eiferer zu betätigen. Eng verwandt ist schechina (hebr.: שכינה) die hebräische Entsprechung von sakina. Der Begriff entstammt der hebräischen Wurzel schakan (wohnen, zelten), und wird als Begriff für Gegenwart Gottes, Heiligkeit und Frieden verwendet.

Um diesen Zustand zu erreichen, ist es notwendig zu erleben, dass „...wenn die Seele sich einmal als unabhängig vom Körper erkennt, beginnt sie natürlicherweise in sich selbst das Wesen des Geistes zu sehen. Der Sufi praktiziert den Prozeß, der ihn in die Lage versetzt, jenen Teil des Lebens in seinem Innern zu berühren, der dem Tod nicht unterworfen ist. … sich erhebend über seinen irdischen Zustand.“ Hazrat Inayat Khan (s.a.) KIT 105

Diese Erkenntnis ist keine Instant-Erkenntnis, sondern bedarf der intensiven Schulung und eine tiefe Bereitschaft zur Transformation der eigenen Persönlichkeit. Als Hilfsmittel dazu dient die esoterische Schule, die im Idealfall dabei hilft, das Ziel zu erreichen. „Vollkommene Verwirklichung kann nur dadurch erreicht werden, daß man durch alle Stadien geht, vom Menschen als Manifestation Gottes bis hin zu Gott als dem einzigen Wesen, sich selbst vom niedrigsten bis zum höchsten Punkt der Existenz kennenlernend und verwirklichend und so die himmlische Reise vollendend.“ Hazrat Inayat Khan (s.a.)

Die Übung, die Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan empfahl, bestand darin, den Bruch zu überbrücken, der zwischen der physischen Ebene, derer man sich im Allgemeinen bewusst ist, und den himmlischen Ebenen besteht, indem man zunächst zwischen beiden hin- und hergeht und sie schließlich verbindet, beziehungsweise vereinbart. Dann gilt „Wohl dem, der dann bereits einmal gestorben ist und keine Angst hat vorm Zerfall des Vergänglichen, dem, der bereits in in der eigenen alchemistischen Suppe kochte und verdampfte.“ Der wird ein würdiger Vertreter der Botschaft sein und authentisch einen Universellen Gottesdienst zelebrieren können.

Qalbi Qadir Abd ar Rahman,
Stockerau
1. Ramadan 1430 /21.08.2009

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