Vom Suchen und Finden

Dargah Suhrawardi Maqtul

Da ich bei meinen Reisen in entsprechenden Ländern den Brauch des „Besuches der Gräber“ (ziyarat al-qubur) praktiziere, habe ich dies auch bei meinen vielen Aufenthalten in Syrien so gehalten. Nach der Beschäftigung mit dem Werk „Die Weisheit (Philosophie) der Erleuchtung (Ḥikmat al-išrāq)“ von Schihab ad-Din Yahya Suhrawardi, versuchte ich in Aleppo / Halab sein Grab zu finden, das sich dort befindet.

Dabei traten in all den Jahren des Suchens nur Fehlschläge auf. Niemand schien zu wissen, wo sich das Grab befindet. Bei einem Aufenthalt im Jahr 2005 schien sich ein Durchbruch anzudeuten. Es gab einen relativ konkreten Hinweis, wo ich mich melden könne, um den Schlüssel zu dem Mausoleum und Zutritt zu erhalten. In der Nähe der Zitadelle, in einer Parallelgasse zur Hawl al Qalaa Straße, befände sich ein Reisebüro, dort solle ich nachfragen. Von meinem üblichen Hotel im Basar in der Nähe des Bab Antakiya aus keine weite Strecke.

Das Reisebüro war leicht zu finden. Nach den üblichen Floskeln zur Begrüßung und Kennenlernen, kam die Sprache auf meinen Wunsch. Am Anfang bahnte sich jedoch das altbekannte Erlebnis an. Der Inhaber schien nicht zu wissen, wo das Grabmal war. Die Antworten auf meine Frage nach dem Grab waren mehr als ausweichend. Mehrfach schlug mir der Inhaber verschiedene touristische  Ausflugsziele in Aleppo oder der Umgebung vor und beobachtete mich dabei sehr intensiv. Nach einer Weile lenkte er ein und wollte wegen des Grabes nachfragen lassen.

Nach dem obligatorischen Glas Tee tauchte ein Mann auf, der mehr zu wissen schien. Er wolle nach den Shaikh fragen lassen und versuchen, jemand zu finden, der eventuell wisse, wo der Schlüssel sei. Nach einer weiteren Weile kam ein junger Mann im Trainingsanzug in das Reisebüro und stellte die selben Fragen wie bereits der Inhaber. Auch dieser junge Mann vertröstete mich und versprach, der Angelegenheit weiter nachzugehen. Wieder verging einige Zeit, die ich mit dem Inhaber mit eher belanglosen Gesprächen verbrachte, bis wir beide in ein längeres Schweigen verfielen. Nach inzwischen fast anderthalb Stunden kam ein älterer Mann in das Büro, nur um wieder die selben Fragen zu stellen. Nach meinen Antworten drehte sich der Neuankömmling zum Inhaber des Reisebüros um und nickte ihm zu. Der griff in eine Schublade seines Schreibtisches und holte ein dickes Schlüsselbund hervor. Damit winkend, forderte er mich auf, ihm zu folgen. Gemeinsam gingen wir das kurze Stück in der Gasse bis zum Grabmal, dessen Eingangstür er umständlich aufschloss.

Er nickte zustimmend, als ich vor dem Betreten meine Schuhe auszog und wies mit der Hand zu einem kleinen Durchgang und ließ mich allein. Nach nur wenigen Schritten befand ich mich im eigentlichen Mausoleum. Ich verrichtete ein Gebet und setzte mich zum Meditieren gegenüber dem Sarkophag nieder. Es mochte knapp eine viertel Stunde vergangen sein, als plötzlich fast lautlos ein älterer Mann hinter mir erschien. Er betete die „fatiha“ und begann direkt danach, eine „silsila“ zu rezitieren. Nach Beendigung fordert er mich auf, ihm zu folgen. Wir betraten einen kleinen Innenhof, in dem sich auch ein Friedhof befand. Dort stand eine Person, die direkt einem dieser alten „Bibel-Film“ entsprungen schien. Er hätte jederzeit die Rolle des Moses verkörpern können. Einen langen Stab in der Hand und von zwei Männern seitlich gestützt, forderte er mich auf, zu ihm zu kommen. Er erteilte mich mir seinen „Baraka“ und sah mir lange tief in die Augen. Anschließend erteilte er mir einige Aufträge, die ich erfüllen sollte, nachdem ich nach hause zurückgekehrt sei. Damit entließ er mich.

Beseelt ging ich ins Hotel zurück. Der Rezeptionist sah mich beim Betreten mit sichtlicher Verwunderung an und fragte nach, was mit mir los sei – ich erwecke auf ihn den Eindruck, als ob ich schweben würde. Nach dem Ende meiner Schilderung des Erlebten grinste er breit. Das Grabmal von Suhrawardi hätte ich zwar nicht besucht. Denn dies befände sich keine 300 Meter vom Hotel entfernt, ebenfalls in der Nähe des Bab Antakiya. Meine Verblüffung muss mir anzusehen gewesen sein. Nach all den Jahren der erfolglosen Suche diese Antwort auf das eigentlich Naheliegende zu erhalten. Gleichzeitig offenbarte sich der Rezeptionist aus Mitglied einer tariqa, zu deren hadra in einem Nebengebäude des Bab Antakiya er mich für den nächsten Tag einlud. Vorher habe ich allerdings noch das Grabmal von Suhrawardi aufgesucht.

Das Grabmal, bei dem ich vorher gelandet war, ist das von Imad-ud-din Nasimi. Noch heute bin ich dafür dankbar, dieses Grabmal finden zu dürfen.

Dargah Nasimi

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